Du hast dir etwas Wichtiges vorgenommen. Du willst jemandem erzählen, was dich beschäftigt. Hast die Worte im Kopf schon sortiert. Dann sprichst du es aus. Und zurück kommt wenig. Ein knappes Okay. Mehr nicht. Genau da können unausgesprochene Erwartungen wehtun: Dein Magen zieht sich zusammen. Du fühlst dich nicht gesehen.
Ich kenne das. Und ich möchte dir eine Frage stellen, die erst mal unbequem sein kann:
Bist du gerade von diesem Menschen enttäuscht? Oder davon, dass er einen Satz nicht sagt, den du ihm innerlich schon vorgeschrieben hast?
Das macht deine Enttäuschung nicht falsch. Aber es kann verändern, worüber du als Nächstes nachdenkst. Und worüber ihr miteinander sprechen müsst.
Wie unausgesprochene Erwartungen bei mir zu Enttäuschung wurden
In einer früheren Beziehung habe ich viel vom Alltag meiner damaligen Partnerin mitgetragen. Wir hatten beide einen Sohn. Ihrer war deutlich jünger als meiner. Viel gemeinsame Zeit fand deshalb in ihrem Alltag statt.
Ich habe eingekauft, gekocht, gesaugt, Fahrten übernommen und ihren Sohn vom Kindergarten abgeholt. Ich wollte mich einbringen. Wollte nützlich sein. Wollte, dass unser gemeinsamer Alltag funktioniert.
Meine eigenen Dinge habe ich oft hinten angestellt. Was bei mir zu erledigen war, musste irgendwie noch dazwischenpassen. Ihr Haushalt war irgendwann ordentlicher als meiner. Für meinen fehlten mir dann Zeit, Energie oder schlicht die Lust.
Gleichzeitig nagte etwas an mir: Ich verbrachte teilweise mehr Zeit mit ihrem Sohn als mit meinem. Unsere Zeiten ließen sich nicht immer zusammenbringen. Ich versuchte, das an anderer Stelle aufzufangen.
Trotzdem sagte ich mir, dass das alles für mich okay sei.
Dann äußerte sie sinngemäß, dass meine Mithilfe im Haushalt keinen großen Unterschied mache. Wenn ich nicht da wäre, würde schließlich auch weniger Arbeit anfallen.
Das traf mich. Ich fühlte mich auf einen Schlag ungerecht behandelt. Da war plötzlich alles: meine Zeit, meine Energie, meine zurückgestellten Aufgaben. Und die Frage, ob sie überhaupt sah, was ich beitrug.
Ich hatte viel gegeben. Aber was war vereinbart?
Ich brauchte lange, um mir eine andere Frage zu stellen: Hatte sie mich eigentlich darum gebeten, all das zu übernehmen?
Hatte sie verlangt, dass ich meine eigenen Dinge hinten anstelle? Hatte sie eingefordert, dass ich mich auf diese Weise einbringe?
Nein.
Ich hatte das getan. Und ich hatte gehofft, dass es entsprechend wahrgenommen wird.
Das war für mich der unangenehme Teil. Ich wollte helfen. Aber ich wollte eben auch, dass sie meinen Einsatz sieht. Dass bei ihr ankommt, wie viel mir unser gemeinsamer Alltag bedeutet.
Mein Wunsch nach Anerkennung war da. Nur hatte ich ihn weder für mich richtig geklärt noch mit ihr besprochen.
Ich hatte gehandelt, als wäre zwischen uns etwas vereinbart. Dabei kannte sie meine innere Rechnung gar nicht.
Das heißt nicht, dass ihr Satz mich nicht verletzen durfte. Es heißt auch nicht, dass Menschen nur dann Rücksicht nehmen müssen, wenn man vorher jede Einzelheit erklärt. Aber mein stilles Hoffen war keine gemeinsame Absprache.
Anerkennung wollen ist nicht das Problem
Ich halte wenig davon, sich jetzt auch noch dafür zu verurteilen, dass man gesehen werden möchte.
Natürlich kann dir wichtig sein, dass dein Einsatz wahrgenommen wird. Dass jemand bemerkt, wenn du müde bist und trotzdem kochst. Oder dass du dir für ein Gespräch wirklich Zeit genommen hast.
Schwierig wird es, wenn du selbst nicht bemerkst, was du dir davon erhoffst. Dann machst du vielleicht immer mehr. Und wartest darauf, dass der andere endlich von allein versteht, was du brauchst.
Bei mir wäre es ehrlicher gewesen, zu sagen: Ich bringe mich gerne ein. Gleichzeitig merke ich, dass meine eigenen Sachen liegen bleiben. Und mir ist wichtig, dass du wahrnimmst, was ich hier übernehme.
Das wäre kein Anspruch auf eine bestimmte Antwort gewesen. Sondern der Anfang eines Gesprächs.
Vielleicht hätte ich dabei auch gemerkt, dass ich weniger übernehmen muss. Anerkennung hätte mir schließlich weder zusätzliche Zeit mit meinem Sohn noch mehr Energie für meinen eigenen Alltag gegeben.
Manchmal erwarten wir sogar die Gedanken des anderen
Ein anderes Beispiel war für mich das gemeinsame Fernsehen.
Ich habe mich lange dagegen gewehrt. Wenn wir schon Zeit miteinander hatten, wollte ich sie nicht vor dem Fernseher verbringen. Dahinter steckte aber nicht nur meine Vorstellung von einem guten Abend.
Ich befürchtete, dass die andere Person daraus schließen könnte, sie sei mir egal.
Ich hatte also nicht nur bewertet, was Fernsehen für mich bedeutet. Ich hatte gleich mitgedacht, was es angeblich für sie bedeuten würde.
Irgendwann habe ich diese Befürchtung ausgesprochen. In der wohlwollenden Beziehung konnte ich dann hören, dass gemeinsames Fernsehen völlig in Ordnung war. Wir waren abends beide manchmal platt. Etwas zusammen anzuschauen musste kein Zeichen von Desinteresse sein.
Das Gespräch nahm Druck heraus. Nicht, weil ich die perfekte Formulierung gefunden hatte. Sondern weil ich endlich fragte, statt für zwei Menschen zu denken.
Wo schreibst du anderen die Antwort schon vor?
Vielleicht kennst du das nicht aus dem Haushalt. Vielleicht kennst du es an anderer Stelle:
- Du bereitest einen Abend vor und hoffst, dass alle deinen Aufwand bemerken.
- Du machst ein Geschenk und wünschst dir eine ganz bestimmte Reaktion.
- Du übernimmst zusätzliche Aufgaben und wartest darauf, dass jemand deinen Einsatz würdigt.
- Du erzählst deinen Eltern von etwas Erreichtem und hoffst wieder auf Anerkennung.
Keine dieser Situationen beweist, dass du etwas falsch machst. Und hinter einer Handlung können mehrere Wünsche gleichzeitig stehen.
Du kannst jemandem eine Freude machen wollen und trotzdem selbst gut dastehen wollen. Du kannst gerne helfen und dir trotzdem ein Danke wünschen.
Ich finde nur wichtig, dass du das bei dir erkennst. Sonst bemerkt der andere vielleicht erst an deinem Rückzug oder deinem Ärger, dass du überhaupt etwas erwartet hast.
Drei Fragen, um deine Erwartungen zu prüfen
Wenn du das nächste Mal enttäuscht bist, nimm dir kurz Zeit für diese drei Fragen. Für einen ersten Blick reichen vielleicht schon 30 Sekunden. Für die Antwort manchmal länger.
1. Was genau habe ich erwartet?
Versuch, einen konkreten Satz zu finden. Nicht nur: mehr Wertschätzung. Sondern beispielsweise: Ich wollte, dass mein Gegenüber anspricht, wie viel Zeit ich investiert habe.
2. Habe ich das jemals ausgesprochen oder vereinbart?
Wusste der andere davon? Oder war ich sicher, dass er es doch merken müsste? Ein Wunsch, eine Andeutung und eine gemeinsame Vereinbarung sind nicht dasselbe.
3. Kommt diese Erwartung aus meiner Erfahrung mit dieser Person oder aus meinem Bedürfnis?
Gab es eine verlässliche Absprache? Oder wünsche ich mir gerade etwas, das mir wichtig ist, ohne zu wissen, ob dieser Mensch es geben kann oder möchte?
Die Antworten müssen deine Enttäuschung nicht sofort auflösen. Sie können dir aber helfen, genauer zu sagen, was los ist.
Nicht weniger wünschen. Ehrlicher darüber sprechen.
Mein Ziel ist nicht, nichts mehr zu erwarten. Ich möchte früher merken, wenn ich stillschweigend etwas voraussetze. Und nicht erst dann darüber sprechen, wenn ich schon verletzt bin.
Im Podcast Ehrlicher Blick teile ich solche Gedanken und Erfahrungen. Wenn du bei dir etwas genauer anschauen möchtest, können wir uns dafür auch in einem 90-minütigen Impulsgespräch per Video Zeit nehmen. Für eine längere Auseinandersetzung mit wiederkehrenden Mustern gibt es meine 12-wöchige Intensivbegleitung.
Du musst daraus jetzt nichts machen. Vielleicht reicht es für heute, dir einen Satz ehrlich zu beantworten: Was hätte ich mir gewünscht, das ich bisher nicht ausgesprochen habe?