Blog · 16. Oktober 2026 · 6 Min.

Dennis Kassel: Warum ich mit „Ehrlicher Blick“ genauer hinsehe

Oft ahnen wir längst, welches Thema uns beschäftigt. Warum schauen wir trotzdem weg? Über vertraute Muster, die Angst vor Veränderung und meinen Grund für „Ehrlicher Blick“.

Ich bin Dennis Kassel. Mit dem Start von „Ehrlicher Blick“ will ich über etwas sprechen, das mir in vielen Gesprächen begegnet ist: Wir ahnen oft, was uns beschäftigt. Aber zwischen diesem Wissen und dem tatsächlichen Hinschauen liegt manchmal eine ziemlich lange Zeit.

Besonders deutlich wurde mir das an einem Abend, an dem um mich herum getrunken wurde. Ich war nüchtern. Saß da, schaute mich um und beobachtete. Nicht, um jemanden zu verurteilen. Mich interessiert, wie Menschen miteinander umgehen. Was sie sagen. Und was vielleicht unausgesprochen bleibt.

Dabei kam ein Gedanke hoch: Wie viele Menschen hier tragen wohl etwas mit sich herum, das sie längst beschäftigt? Und wie viele machen immer wieder einen Bogen darum?

Ich konnte das nicht wissen. Aber die Frage blieb. Auch, weil sie weit über diesen Abend hinausgeht.

Warum ich als Dennis Kassel „Ehrlicher Blick“ gestartet habe

2019 habe ich aufgehört zu trinken. Danach entstanden ein Buch, der Podcast „Nüchtern betrachtet“ und viele Gespräche mit Menschen, die etwas an ihrem Umgang mit Alkohol verändern wollten.

In sechs Jahren habe ich mit hunderten Menschen gesprochen. Und obwohl Alkohol häufig der Anlass war, ging es irgendwann nicht mehr nur darum.

Es ging um Erwartungen. Um Beziehungen. Um Druck. Um die Frage, warum jemand immer wieder etwas tut, das er eigentlich nicht mehr tun möchte.

Das hat meinen Blick verändert. Anfangs dachte ich, wenn das Alkoholthema gelöst ist, wäre damit der entscheidende Knoten durch. In den Gesprächen wurde aber deutlich, wie viel daneben und darunter liegen kann.

Deshalb gibt es „Ehrlicher Blick“. „Nüchtern betrachtet“ bleibt bestehen. Ich möchte die Themen trennen und hier auch über das sprechen, was Menschen unabhängig vom Alkohol beschäftigt.

Wissen ist noch kein Hinschauen

Vielleicht kennst du diesen Satz: Eigentlich weiß ich es ja.

Eigentlich weiß ich, dass ich zu oft Ja sage. Dass mich ein bestimmter Konflikt nicht loslässt. Dass ich mich ständig beschäftige, damit bloß keine Ruhe entsteht.

Dieses Wissen kann erstaunlich lange neben dem Alltag herlaufen. Morgens ist es kurz da. Dann kommt etwas dazwischen. Abends bist du müde. Am Wochenende willst du nicht auch noch darüber nachdenken.

Und irgendwann ist wieder viel Zeit vergangen.

Ich glaube nicht, dass dahinter automatisch fehlender Wille steckt. Manchmal wissen wir schlicht nicht, wo wir anfangen sollen. Manchmal fehlt die Kraft. Und manchmal befürchten wir, dass eine ehrliche Antwort Folgen hätte.

Zu wissen, dass etwas nicht stimmt, ist etwas anderes, als sich damit zu beschäftigen.

Vielleicht macht nicht das Thema Angst, sondern seine Folgen

Angenommen, du schiebst etwas seit Jahren vor dir her. Dann geht es beim Hinschauen womöglich nicht nur um dieses eine Thema.

Vielleicht steht dahinter die Frage: Was müsste ich verändern, wenn ich mir das wirklich eingestehe?

Müsstest du jemandem widersprechen? Eine Grenze setzen? Zugeben, dass etwas, das nach außen gut aussieht, für dich nicht passt?

Vielleicht fürchtest du auch einen anderen Gedanken: Warum habe ich das nicht früher gemacht?

Das kann wehtun. Weil damit plötzlich die vergangenen Jahre im Raum stehen. Entscheidungen, die du getroffen hast. Gespräche, die du vermieden hast. Dinge, die du lange ausgehalten hast.

Ich möchte diesen Schmerz nicht kleinreden. Aber eine späte Erkenntnis macht dich nicht rückwirkend zum Versager. Vielleicht konntest du damals noch nicht so hinsehen. Vielleicht fehlte dir etwas, das heute da ist.

Vertraute Muster geben nicht nur Halt

Was wir oft tun, ist uns vertraut. Auch dann, wenn es uns Schwierigkeiten macht.

Vielleicht hältst du Streit fern, indem du nachgibst. Vielleicht schützt du dein Selbstbild, indem du Fehler immer zuerst bei anderen suchst. Vielleicht hältst du dich beschäftigt, weil du nicht weißt, was in der Ruhe auftauchen würde.

Das sind Möglichkeiten. Keine Erklärung, die auf jeden Menschen passt.

Mir ist wichtig, nicht nur zu fragen: Warum lässt du das nicht einfach?

Sondern auch: Was ermöglicht dir dieses Verhalten gerade? Was musst du dadurch nicht aussprechen oder aushalten?

Und dann die zweite Frage: Was kostet es dich?

Vielleicht ersparst du dir heute ein unangenehmes Gespräch. Dafür bleibt etwas zwischen dir und einem Menschen stehen, der dir wichtig ist. Ein Muster kann dich vor etwas bewahren und dir gleichzeitig etwas nehmen.

Ich sehe etwas. Das heißt nicht, dass ich recht habe

Ich beobachte gern. Manchmal fällt mir auf, wie sich die Stimmung verändert oder wie Menschen aufeinander reagieren.

Trotzdem kenne ich ihre Geschichte nicht, nur weil ich sie sehe. Eine Beobachtung ist noch keine Gewissheit. Ich kann danebenliegen.

Deshalb wäre mein nächster Schritt eine Frage: Kann es sein, dass da gerade etwas anderes mitspielt?

Und auch diese Frage braucht einen passenden Rahmen. Nicht jeder möchte angesprochen werden. Niemand schuldet mir Offenheit, nur weil ich neugierig bin.

Beim Podcast entscheidest du selbst. Du kannst zuhören, etwas mitnehmen oder abschalten. Mein Blick ist ein Angebot. Kein Urteil über dich.

Bei anderen klarsehen und selbst danebenliegen

Ich nehme mich aus all dem nicht heraus.

Ich kann über Beziehungen sprechen und Zusammenhänge erkennen. Trotzdem habe ich selbst eine Beziehung gründlich verbockt. Das tut mir bis heute leid.

Für mich gehört diese Ehrlichkeit dazu. Erfahrung macht mich nicht fehlerfrei. Und zu verstehen, wie etwas funktioniert, bedeutet nicht, dass ich es in meinem eigenen Leben immer hinbekomme.

Vielleicht kennst du das auch. Bei einem Freund hörst du sofort, worum er herumredet. Bei dir selbst findest du gute Gründe, warum es gerade komplizierter ist.

Deshalb kann ein Gespräch hilfreich sein. Nicht, weil jemand anderes dein Leben besser kennt. Sondern weil er vielleicht eine Frage stellt, der du bisher ausgewichen bist.

Wo machst du gerade einen Bogen?

Du musst jetzt nicht dein ganzes Leben auseinandernehmen. Vielleicht reicht es, bei einer konkreten Situation zu bleiben.

Zum Beispiel bei dem Gespräch, das du seit Wochen verschiebst. Oder bei dem Moment, in dem du wieder zugesagt hast, obwohl du nicht wolltest.

Frag dich:

  • Was beschäftigt mich daran wirklich?
  • Was befürchte ich, wenn ich es offen ausspreche?
  • Was erhalte ich mir dadurch, dass alles bleibt, wie es ist?
  • Was wäre ein kleiner Schritt, den ich tatsächlich gehen möchte?

Vielleicht ist dieser Schritt zunächst nur ein aufgeschriebener Satz. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht auch die Feststellung, dass du Unterstützung brauchst.

Du musst dabei nicht gefühllos auf dich schauen. Gefühle gehören dazu. Es geht eher darum, neben ihnen auch die eigenen Erklärungen zu prüfen. Stimmt das wirklich? Oder erzähle ich mir das, damit ich heute nichts verändern muss?

Ein ehrlicher Blick muss nicht hart sein

Ich möchte mit „Ehrlicher Blick“ einzelne Themen aufgreifen: Erwartungen, Beziehungen, blinde Flecken, Grübeln und die Schwierigkeiten, die wir uns manchmal selbst machen. In überschaubaren Folgen. Ohne den Anspruch, dass jeder Gedanke für jeden passen muss.

Wenn du erst einmal zuhören möchtest, ist der Podcast da. Wenn du ein eigenes Thema gemeinsam anschauen willst, gibt es das 90-minütige Impulsgespräch per Video. Du brauchst dafür keine fertig formulierte Frage. Auch ein wiederkehrendes Unbehagen kann ein Anfang sein.

Und wenn du dir über längere Zeit Unterstützung bei deiner persönlichen Entwicklung wünschst, gibt es die zwölfwöchige Intensivbegleitung. Informationen zu den Angeboten findest du auf ehrlicherblick.de.

Vielleicht brauchst du gerade aber auch nichts davon. Vielleicht reicht für heute eine Frage, die du nicht sofort wieder wegschiebst:

Was lässt dich nicht los, obwohl du immer wieder versuchst, daran vorbeizugehen?

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